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Ich sah Jerusalem 12/2005


Das Auge des Geistes

Wir beginnen mit der Einsicht, dass das wahre Selbst immer gegenwärtiges Bewusstsein ist, auch wenn wir seine Existenz bezweifeln.

In dieser einfachen Wahrnehmung erkenne ich: Ich bin mir meines Körpers bewusst, also bin ich nicht nur mein Körper. Ich bin mir meines Geistes bewusst, also bin ich nicht nur mein Geist. Ich bin mir meines Selbst bewusst, also bin ich nicht nur mein Selbst. Vielmehr nehme ich beobachtend wahr, meinen Körper, meinen Geist und mein Selbst.

Ich kann meine Gedanken sehen, also bin ich nicht diese Gedanken. Ich bin mir der Körperempfindungen bewusst, also bin ich nicht diese Empfindungen. Ich bin mir meiner Gefühle bewusst, also bin ich nicht nur diese Gefühle. Irgendwie aber bin ich doch das Subjekt, das dies alles wahrnehmen kann.

Doch wer oder was nimmt wirklich alles wahr? Die alten Traditionen sagen: Das, was wahrnimmt, ist reiner Geist – ist Gott, ist Buddhanatur in ihrer Ganzheit, nicht begrenzt in Zeit und Raum und absolut leer.

Diese letzte, unbedingte Wirklichkeit ist nichts, was gesehen werden kann, sondern das, was immer-gegenwärtig „sieht“.

Und darum ist dieses Bewusstsein nicht schwer zu erreichen, aber unmöglich zu vermeiden. Doch das, was sieht, kann selbst nicht gesehen werden. So hören wir also auf, uns mit diesem und jenem zu identifizieren und nach dem zu suchen, was außerhalb nicht zu finden ist.

So bekommen wir eine Ahnung von der unbegrenzten Freiheit, auch wenn diese Freiheit selbst wiederum nicht gesehen werden kann.

Wenn wir unbesorgt in ihr verweilen, können wir erkennen, dass diese einfache, immer-gegenwärtige Bewusstheit vollkommen mühelos ist. Denn es macht keine Mühe, Laute zu hören, Dinge zu sehen, die kühle Brise zu fühlen.

Hellwach - ruhen wir einfach In dieser reinen, mühelosen Achtsamkeit. Und wieder erkennen wir, dass dieses zeitlose Gegenwärtigsein keineswegs schwer zu erreichen ist, aber unmöglich zu vermeiden. So schließen wir mit der Erkenntnis, dass das wahre Selbst diese immer-gegenwärtige Bewusstheit ist, auch wenn wir ihre Existenz bezweifeln.

Ken Wilber